Geschaeftsmodell Beispiel Essay

Die Privatsphäre als Kollektivgut für mehr Autonomie

von Nils Zurawski

Schluss mit der Privatsphäre, Schluss mit der Debatte! Das ist befremdlich? Zu radikal?  Aber vielleicht ein möglicher Einstieg in eine alternative Sichtweise auf Überwachung, Datenschutz und dem was man mit den Enthüllungen Edwards Snowdens verbindet.


Seit der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden enthüllt hat, wozu die NSA fähig und willens ist, wird vor allem eine Frage immer wieder gestellt: Welche Folgen haben diese Enthüllungen für die Menschen der Welt, für jeden einzelnen von uns? Das ist zunächst ein logische und auch ganz wichtige Frage, doch eigentlich die falsche. Denn es sind nicht die Enthüllungen, die uns primär betreffen und die den Skandal ausmachen, sondern viel eher das, was enthüllt wurde. Die NSA hat bereits abgehört, seit Jahren, ohne dass wir es mitbekamen und es für die meisten von uns spürbare Auswirkungen gehabt hätte. Nicht die Enthüllungen sind obszön, sondern das Enthüllte. Es müsste also eigentlich darüber geredet und nachgedacht werden, was erzählt wird und wie es zu der maßlosen Spionage einiger Dienste und ihrer Helfershelfer kommen konnte und warum bei aller Aufgeregtheit grundsätzlich eigentlich nicht über die Probleme gesprochen wird, um die es eigentlich gehen sollte.

Daraus allerdings zu schließen, es müssten jetzt neue und effizientere Gesetze gemacht werden, die den Bürger besser schützen und den Datenschutz erhöhen. Jeder Bürger müsste befähigt werden, so manche Ideen, seine Daten besser zu verbergen, also zu verschlüsseln oder die viel gerühmten, aber kaum bekannten TOR Netzwerke zu benutzen. All diese guten und hilfreichen Strategien bleiben jedoch dem Spiel verhaftet, das gerade enthüllt wurde: Schafft neue Geheimnisse, denen wir (der Staat) dann nachspüren können und umgekehrt. Es erinnert dabei ein wenig an den weißen und schwarzen Spion aus den Comics, die sich immer neue Gemeinheiten überlegen den jeweils anderen auszutricksen. Gibt es denn überhaupt neue Sichtweisen, andere Perspektiven auf das Problem einer scheinbar erodierenden Privatsphäre, einer Datenverletzlichkeit, mit der wir über unsere Position in einer solchen Welt nachdenken und diese angesichts der Entwicklungen begreifen können? Ja, aber das hieße von dem Konzept der Privatsphäre abzuweichen, wie es dominant ist und andere Aspekte der Überwachung und Kontrolle in den Mittelpunkt zu rücken.

Der Schweizer Soziologe Sami Coll wendet sich gegen herrschende Diskurse des Datenschutzes und zeigt, warum gerade die Privatsphäre in mancherlei Hinsicht auch als die Verbündete der Überwachung in Erscheinung tritt. Der normative Rahmen, der mit den festen Grenzen von dem was allgemein und nach den Datenschutzgesetzen als „privat“ zu gelten hat und was ein Übertritt in diese so definierte Sphäre ist, bestimmt die Diskussion. Mehr noch, eine fest definierte Privatsphäre macht Überwachung erst möglich – es wird so noch viel leichter das Private zu kontrollieren, wenn es erst einmal klar definiert worden ist. Colls Argument ist, dass die Definition der Privatsphäre als individualistisch, als rechtlich festgeschrieben und dem Prinzip der informationellen Selbstbestimmung verhaftet, eine Reihe von Nachteilen hat, wenn es darum geht kollektive Bürgerrechte und demokratische Prinzipien zu schützen. Zum einen kritisiert diese rechtliche Einhegung nicht den Informations-Kapitalismus an sich, sondern versucht lediglich den Bürger/Konsumenten vor allzu viel Neugier der Unternehmen zu schützen. Das Geschäftsmodell „Individuelle Daten gegen Dienstleistungen“ als solches wird nicht angetastet, Alternativen nicht gedacht. Weiterhin sieht Coll das Prinzip der individuellen Verankerung der Privatsphäre als problematisch an. Seiner Ansicht nach ist Privatsphäre auch immer etwas Kollektives, Relationales, das in Bezug zu anderen bestimmt und auch begriffen wird. Sie wird je nach Situation und sozialer Beziehung durchaus verschieden wahrgenommen und gelebt. Als individuelles Recht jedoch steht sie im Zweifelsfall den Interessen von Sicherheit oder einem auch nur vage definierten Allgemeinwohl gegenüber und wird im Zweifel diesen untergeordnet. Privatsphäre als kollektives Prinzip zu verstehen, hieße, es als Teil des Gemeinwohls zu begreifen und nicht ausschließlich im Zusammenhang mit einer Wahlfreiheit innerhalb eines informationellen Konsum-Kapitalismus. Die Privatsphäre ist ein Teil dieser Konsumlogik, nicht der Schutz davor. Der Kampf um die Definition, was als privat zu gelten hat, ist auch der Kampf um die Möglichkeiten an gesellschaftlichen Debatten teilzuhaben und letztlich darüber, in welchem Rahmen man sich bewegen kann. Das gern zitierte Panopticon Benthams kann auch hier als Beispiel dienen. In diesem als Gefängnis geplanten Gebäude, welches zum Sinnbild der Überwachungsgesellschaft geworden ist, und in dem der Wärter die Gefangenen sehen konnte, diese aber nicht den Wärter, gab es einen Bereich der Zelle, der nicht einsehbar war. Der Gefangene konnte sich so zwar dem Blick entziehen, nicht aber der Zelle, der Macht und der Kontrolle. Und in diesem Sinne funktioniert auch das Konzept einer normativ festgelegten und auch das Individuum festgelegten Privatsphäre. Es geht dabei um Informationen über das Individuum, die möglicherweise in einer Konsumgesellschaft verwertbar sind, nicht jedoch um die Sphären des Privaten, die im Kollektiv entstehen, die zum Schutz von Gruppen, zu ihrem Zusammenhalt oder in der sozialen Aushandlung entstehen. Das hieße im Endeffekt auch Gruppenrechte wahrzunehmen, womit das Individuum als Subjekt weniger kontrollierbar wäre. Das aber ist nicht das Ziel des Staates oder der Unternehmen. Das gängige Konzept der Privatsphäre trennt die Individuen und lässt kollektive Aktionen nicht zu. Coll argumentiert sehr schlüssig, dass die Privatsphäre als individuelles Konzept eine Überwachung der Individuen begünstigt, auch weil so die grundsätzliche Kontrolle von Subjekten als solche nicht in Frage gestellt wird.

Diese auf eine konsumistische Wahlfreiheit reduzierte Freiheit des Individuums hat noch eine weitere Konsequenz, die in der Diskussion über Privatsphäre und Datenschutz zu kurz kommt. Die Konzentration auf den Schutz der Informationen des Individuums – seiner Daten – vergisst darauf zu schauen, wie Konsum zunehmend auch organisiert wird. Ein paar Beispiele, in denen deutlich wird, warum es eigentlich weniger um die Überwachung des Einzelnen geht, sondern über den Einzelnen eine Verhinderung von Kollektiven versucht wird. Vor allem der Unterhaltungsriese Apple macht es vor, wie man mit der Bereitstellung von Computern, Vertriebswegen und der Kontrolle der gehandelten Inhalte, ein enormes Potenzial zur Steuerung der Kunden entwickelt hat. Woher weiß ich, dass Apple nicht nur Händler, sondern auch Zensor und Geschmackserzieher gleichermaßen ist? Ähnlich großen Industriebetrieben aus dem 19. Jahrhundert, in dem Arbeit, Wohnen, Konsum und Freizeit (und wohl auch Glaube und politische Teilhabe) von dem Unternehmen bestimmt und Abweichungen kontrolliert wurden, ist das Modell von Apple und Google dazu angetan in diese Fußstapfen zu treten. Und wenn es dann nicht länger nur um gehandelte Produkte geht, sondern um die Kontrolle des Konsums und die Erziehung hin zu bestimmten Inhalten, dann geht es auch um die Kontrolle und Steuerung von Individuen, deren Ziel auch die Vermeidung kollektiver Selbstorganisation sein kann. Überwachung durch Konsum. Der Datenschutz des Einzelnen erleichtert ironischerweise diese Strategien. Und auch Apple selbst kann sich erstaunlicherweise auf ähnliche Rechte berufen wie das Individuum wenn es um Datenschutz geht. Aber wie kann ein Unternehmen eine individuelle Privatsphäre haben?

Ein zweites Beispiel sind die vielen smarten Anwendungen, von der Smarphone-Restaurantsuche bis hin zur komplexen Steuerung einer Smart-City, einer Großstadt, in der die Nutzung und Deutung den Bürgern abgenommen wird. Grundlage sind die vielfältigen Daten jedes Einzelnen, die im Zweifel dem Allgemeinwohl untergeordnet werden, wenn es um Stromverbrauch geht oder um die Verkehrssteuerung einer Stadt. Es geht hier vor allem um die Kontrolle der Zukunft, um die Aufrechterhaltung einer Ordnung, die auch die Erziehung zum Guten beinhaltet. Wer will sich schon gegen smarte Strommessungen wehren, wenn das hieße nicht umweltschonend zu sein? Eigensinnige Handlungen können als Abweichung gedeutet und dann bekämpft oder gar im Vorwege verhindert werden. Eine demokratische Abstimmung darüber, wie eine Gesellschaft als Kollektiv leben möchte, wird so unmöglich gemacht, da es immer nur um ein vermeintliches Allgemeinwohl geht, zu dem die Informationen der Individuen herangezogen werden dürfen. Es findet so eine Aushöhlung gesellschaftlicher Teilhabe statt, wenn nicht berücksichtigt wird, dass das Wohl nicht verordnet werden kann, sondern sich in kollektiven Aushandlungen ergibt. Die Fixierung auf den Schutz der Privatsphäre des Einzelnen verdeckt, dass es auch andere Konzepte gibt.

Sowohl Coll als auch andere Forschungsprojekte zu dem Umgang Bürgern und Bürgerinnen mit Daten, Konsum und den Einstellungen zu Privatheit zeigen, dass es vielfältige Konzepte von dem gibt, was als privat angesehen wird und die häufig nicht mit dem in den Datenschutzgesetzen geschützten Gütern übereinstimmt. Privatsphäre ist subjektiv, aushandelbar, kollektiv verankert und eben nicht immer streng individualistisch. Menschen betreiben ein Management ihrer Daten so wie sie auch ein Management ihrer sozialen Beziehungen betreiben. Der Eigensinn von Individuen als auch die Möglichkeit zu kollektiver Organisation jenseits von steuerbaren Vorgängen muss erhalten bleiben und darf nicht durch den Griff auf die individuell geschützten, aber im Zweifel zu verwendenden Daten verhindert werden. Schluss mit der Privatsphäre also – nein. Aber Schluss mit der exklusiven Sichtweise von Privatsphäre, die verdeckt, dass Überwachung mehr ist als mangelnder Datenschutz, sondern zunehmend eine Bevormundung der Bevölkerung unter dem Vorwand der Erziehung zum guten Menschen, letztlich aber eine Steuerung der Bedürfnisse, Vorlieben und somit der freien, kollektiven Willensbildung ist. Nur wenn auch das System eines mit Datenschutz verbundenen Konsumkapitalismus selbst in Frage gestellt werden kann, gibt es auch neue Möglichkeiten für gesellschaftliche Emanzipation.

Nils Zurawski, September 2014, Hamburg

Die Aussichten klingen beeindruckend. Marissa Mayer, Vizepräsidentin bei Google, hat gerade dem Menschen des 21. Jahrhunderts mitgeteilt, demnächst von der Maschine gedacht zu werden. Aufgrund seines bisherigen Verhaltens werde sein zukünftiges von Computern vorhergesagt.

Vor kurzem noch kam sich die Hirnforschung besonders schlau durch den Nachweis vor, dass im Gehirn schon abläuft, was erst Sekunden später dem Bewusstsein erscheint. Damit, hieß es, sei die Vorstellung widerlegt, dass der Mensch einen freien Willen habe. Darüber dürfte Marissa Mayer nur lächeln, denn Google hat seinerseits vor, die Hirne zu belehren, was sie wollen. Welche Personen kennenzulernen für jemanden sinnvoll sein könnte. Wo in fremden Städten die Restaurants liegen, die einem Google-Nutzer gefallen müssten. Was ihre Bedürfnisse sind, was in ihrem Kühlschrank fehlt und dass ein Laden dafür gerade in der Nähe liegt. Man kann gar nicht so schnell denken, wie einem etwas vorgeschlagen wird.

Er denke nicht, ließ im selben Sinne schon vor zwei Jahren der damalige Google-Vorstand Eric Schmidt verlauten, dass die Leute von der Suchmaschine Antworten auf Fragen bekommen wollten, sondern vielmehr, dass ihnen Google sagt, was sie als Nächstes tun sollen. Das wird seit einiger Zeit auch auf das Suchen selber angewendet. Die Funktion „Google Instant“ vervollständigt eingetippte Suchworte und zeigt den Wikipedia-Artikel zu Proust schon bei „Prou“ an, bevor der Benutzer noch klargemacht hat, dass er auf der Suche nach dem Kloster Proussos ist. Einerseits führt das zu Zeitersparnis, andererseits handelt es sich um die Vorwegnahme von Entscheidungen, die dadurch wahrscheinlicher werden.

Demselben Prinzip folgen die Beliebtheitslisten und „Gefällt mir“-Zahlen, die dem Leser einer Internetseite sofort mitteilen, welche Texte, Videos oder Lieder auf ihr am häufigsten angetippt wurden oder von Teilsegmenten der 850-Millionen-Nutzergemeinde bei Facebook empfohlen werden. Hier ist man auf Zustimmungen spezialisiert. Die Absatzwirtschaft, der die entsprechenden Datenmengen verkauft werden, spricht von „Sentimentanalyse“, wenn sie aus ihnen herauszufiltern sucht, wem was wie sehr gefallen könnte.

Sie wollen also, kurz gesagt, den Zufall abschaffen. Es soll keinen Konsum und eigentlich keinen Gedanken geben, der nicht entweder eigens auf das Individuum zugeschnitten wurde, das ihn vollzieht. Oder der nicht dem folgt, was zunächst „Weisheit der vielen“ hieß, sich inzwischen aber unter dem Titel „Schwarmintelligenz“ dem annähert, was früher unter „Mode“ bekannt war. „Das Ziel“, schreibt der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Mark Andrejevic, „ist die Erschaffung einer interaktiven Medienlandschaft mit dreifacher Funktion – Unterhaltung, Werbung und Sonde“.

Seite 2: Wie unser Kaufverhalten manipuliert wird

Die Werbung bezahlt die Unterhaltung. Die Nutzer fungieren als Sonde, weil in den Servern der Anbieter mitgeschrieben wird, wer sich wann wie und wodurch unterhalten fühlte. So entstehen die Daten für Prognosen, wie auf Werbung reagiert werden wird. Die Zukunft wäre eine vollkommene Extrapolation der Vergangenheit. Oder genauer und in den Worten des Google-Chefökonomen Hal Varian: Die Datenbanken der Firma würden es erlauben, „die Gegenwart vorherzusagen“. Voraussetzung dafür soll nur sein, dass Google und Konsorten möglichst viel über die Vergangenheit wissen.

So die Ankündigung. Noch heißt es allerdings bei Amazon, einem anderen großen Spieler auf dem Markt für Verhaltensvorschläge, „Kunden, die sich für Band 1 interessierten, interessierten sich auch für Band 2“. Wer einen Dampfgarer gekauft hat, kommt als Käufer für Bücher über Dampfgaren besonders infrage. Darauf wäre selbst ein normales Gehirn gerade noch gekommen. Soeben wurde uns allerdings von Amazon „Thinking, Fast and Slow“ des Psychologen Daniel Kahneman empfohlen, weil wir „Thinking the Twentieth Century“ des Historikers Tony Judt gekauft hatten. Nicht ganz so beeindruckend.

So wenig wie beispielsweise der „Google-Indikator“ für Arbeitslosigkeit. Durch ihn soll sich aus der Häufigkeit bestimmter Schlagworte (zum Beispiel „Arbeitsagentur“ oder „Personalberatung“) unter den 100 Millionen täglicher Suchanfragen die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt herauslesen lassen. Seitdem das 2009 einmal versucht wurde, war nicht mehr viel von den Prognosen zu hören. Oder nehmen wir die Behauptung von Facebook, Internetbenutzer, die auf den „Gefällt mir“-Knopf drücken, seien überdurchschnittlich vernetzt, weswegen zu erwarten sei, dass sie durch Zustimmungen ihren Freundeskreis stärker beeinflussen als Experten oder die Ergebnisse von Suchmaschinen. Sollen Leute mit solchen Vorstellungen – „wenn meinen Freunden der Dampfgarer gefällt, glaube ich ihnen eher als der Stiftung Warentest“ – wirklich im Besitz sozialer und soziologischer Intelligenz sein? Oder halten sie nur einfach ihre Kunden für dumm?

Womöglich haben sie damit recht. Das Internet ist neben dem vielen Hilfreichen, Großartigen, Anregenden, das es anbietet, zu einer fixen Idee geworden, die den Verstand vernebelt.
Es scheint nicht zu genügen, dass man es als merkwürdige Bibliothek, Spielwiese, Post oder Warenhaus benutzen kann, es muss offenbar die Zukunft selbst enthalten und alles, alles revolutionieren: die Wirtschaft und die Demokratie, das Recht und die Bildung, die Liebe und den Sinn von Individualität.

Seite3: Warum Schulen und Universitäten als Orte überflüssig geworden sind

So hat der amerikanische Informatiker David Gelernter beispielsweise behauptet, Schulen und Universitäten seien als Orte überflüssig. Denn wozu sollten viele Schüler von einem Lehrer in einer Klasse unterrichtet werden, wenn auch Einzelfernunterricht möglich ist? Wozu sollte man sich einem vorgegebenen Curriculum beugen, wenn Lernstoffe und -geschwindigkeiten frei wählbar sind? So denkt ein Technologe. In der soziokulturellen Evolution hat sich seit mehr als 2000 Jahren der Unterricht in Gruppen bewährt, aber jetzt haben wir Maschinen, die ihn entbehrlich machen?

Entweder ist diese Medienrevolution dann, wie in diesem Beispiel, die reine Verheißung: von Partizipation, lokaler Selbstbestimmung, Effizienz, Wachstum, Aufwertung der Minderheiten und politischer Transparenz. Oder sie führt zu einem neuen „Kontrollregime“, zur vollendeten Kommerzialisierung jedweder Lebensbezüge oder einer Art sozialem Nervenzusammenbruch.

Das gilt seit langem in der Geschichte der Medien. Vor 50 Jahren diagnostizierte Jürgen Habermas für unsere Epoche einen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, und zwar einen fragwürdigen. Sah er doch die normativen Erwartungen an eine öffentlich über das Gemeinwohl diskutierende Bürgerschaft, wie sie um 1800 formuliert worden waren, im Verlauf der nachfolgenden Politik- und Mediengeschichte enttäuscht.

An die Stelle der parlamentarischen Debatte mit offenem Ausgang traten der Fraktionszwang, der Primat der Exekutive und der Lobbyismus im Hinterzimmer. An die Stelle der kritischen Journale traten die Boulevardpresse und das Unterhaltungsfernsehen. Die Pressefreiheit, einst als Mittel der Wahrheitssuche durchgesetzt, diene inzwischen der Werbung. Aus Lesern waren Zuschauer geworden. Die Willensbildung im Volk werde durch die Medien nicht befördert, sondern propagandistisch bearbeitet. Habermas konstatierte einen „Zerfall bürgerlicher Öffentlichkeit“, den Antiliberale wie der Rechtswissenschaftler Carl Schmitt 40 Jahre zuvor schon mit grimmiger Befriedigung festgehalten hatten.

Die hohen gesellschaftlichen Erwartungen, die an das Zeitschriften- und Zeitungswesen der Aufklärung gerichtet waren, sind kein Einzelfall. Bislang ist noch jedes neue Massenmedium von solchen Hochstimmungen begleitet worden. Der Buchdruck entzündete zuerst die Reformation, die ihm das durch Lektüre vermittelte Gespräch mit seinem Gott zu bringen versprach. Dann ermöglichten Bücher und Zeitungen im 18. und 19. Jahrhundert die „Erfindung der Nation“ und ihrer „Kultur“. Mit der Fotografie und dem Kino wurde ein neuer Realismus angekündigt, eine ganz über Wahrnehmung laufende Alphabetisierung der Massen und damit zugleich die Zerstörung eines nur wenigen vorbehaltenen Zugangs zur Kunst.

Seite 4: Mc Luhan, Enzensberger und die Mediale Entwicklung

Vom Radio, mit dem die mediale Eroberung der Allgegenwart begann, erhoffte sich Bertolt Brecht 1932, „den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen“. Im Fernsehen wiederum erkannte einer seiner Propheten, der kanadische Technikphilosoph Marshall McLuhan, die Möglichkeit zu einer Kommunion der Weltgemeinschaft, die sich durch Schauen derselben Sendungen vereint.

Hans Magnus Enzensberger hat 1970 in seinem „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ diese Erwartungen noch einmal zusammengefasst. In diesem Aufsatz wird bereits von einem Zusammenschluss aller elektronischen Kommunikationsmittel gesprochen, die technisch keinen prinzipiellen Gegensatz von Sender und Empfänger kennen. Das „Senderkartell“ erschien Enzensberger so überflüssig wie „das politische Angebot eines Machtkartells von autoritär verfassten Parteien“, die passive Entscheidung, dem gesendeten Programm zu folgen, verglich er mit dem Wahlverhalten.

Ihrer Struktur nach seien die neuen Medien egalitär und inklusiv. Sie lösten geistiges Eigentum auf, erlaubten augenblickshaften Zugriff und seien in der Lage, auch Beiträge von Laien, dezentralisierte Programme und „Feedback“ leicht zu integrieren. Damit entsprächen sie dem Bedürfnis nach direkter Demokratie und Selbstorganisation der Gesellschaft. Einzulösen wären diese Möglichkeiten allerdings nur, so Enzensberger damals, durch eine sozialistische Politik.

Heute, 20 Jahre nach der massenwirksamen Einführung des Internets – 1994 überstieg die Zahl der kommerziellen Nutzer erstmals die der wissenschaftlichen –, liegt es nahe, danach zu fragen, welche Erfahrungen wir mit den entsprechenden Erwartungen gemacht haben, die in dieses Medium gesetzt wurden. Dies umso mehr, als es sich ja um das Medium aller Medien handelt, die technologische Erfüllung des Enzensberger’schen Baukastens, die zugleich Buch, Zeitung und Radio, Fernsehen, Kino und Musikbox sowie Einkaufsmeile, Post, Bildtelefon und Datenbank ist.

Seite 5: Die paradoxen Versprechen der digitalen Kommunikation

Ganz materielle Erwartungen wie die, der Computer führe zum papierlosen Büro, sind dabei am schnellsten und am trivialsten enttäuscht worden: Es ist einfach immer mehr Papier geworden. Der Energie- und Chemikalienbedarf der „neuen Ökonomie“, die sich angeblich von der ökologisch zweifelhaften alten absetzte, sprengt inzwischen jede Vorstellung. Die elektronische Post, die alles beschleunigen sollte, tat es eine Zeit lang, inzwischen aber werden E-Mails zugleich viel schneller und viel langsamer beantwortet als alle früheren Sendungen. Es sind zu viele geworden, und die Smartphones ermöglichen dort, wo sie nicht der Unterhaltung dienen, vor allem das E-Mail-Löschen außerhalb der Kernarbeitszeit.

Die zahlreichen Ergänzungstechnologien des Chattens und Skypens und Postens und Twitterns mit ihren eigenen folgenreichen Festlegungen (nur Unwichtiges; mit Bild; vorwiegend Unverbindliches; an alle, aber ohne Erwartung einer Antwort) verschärfen gerade durch ihre Nützlichkeit dieses Problem. Als mögliche Reaktion darauf wird „Twitter Zen“ genannt: Wo das „Ich“ war und Information oder Mitteilungen suchte, soll nun ein „Es“ werden, das Sich-Treiben-Lassen durch die Marktnischen und Netzwerksegmente – in der Hoffnung, das Wichtige schon irgendwie mitzubekommen.

Und was ist mit dem „Long tail-Argument“, das behauptete, das Internet begünstige die Präferenzen von Minderheiten, weil sie weltweit als Kunden einzusammeln sich nun lohne? Die Gegenthese von der „The winner takes it all“-Ökonomie, wonach das Gros der Aufmerksamkeit sich auf immer weniger Produkte richtet, ist aber mindestens so plausibel – die Beliebtheitslisten jedenfalls haben nachweislich diese Wirkung, das Interesse durch das Interesse der anderen führen zu lassen. Angeklickt werden auf „Youtube“ vor allem jene Filmchen, die schon von Millionen anderen angeschaut worden sind: Der Herdentrieb funktioniert wie eh und je.

Von den artverwandten Erwartungen, das Internet sei ein Instrument der Vielfalt dezentraler und von Autoritäten freier Kommunikation, gilt dasselbe. Es stimmt und ist falsch zugleich, denn neben der Vielfalt hat es nicht nur die Einfalt derer gebracht, die glauben, Facebook sei ein Hilfsmittel von Demokratiebewegungen, ohne damit zugleich auch eines von Geheimdiensten sein zu können. Oder die sich vorstellen können, dass durch Livestreams von Parteitagen die Demokratie liquider würde, anstatt die Funktion von Hinterbühnen für die Gesichtswahrung in Entscheidungsprozessen zu erkennen.

Die Vielfalt des Internets wird auch von einem beispiellosen Monopolisierungsgrad auf seinen ausschlaggebenden Märkten begleitet: Google, Facebook, Twitter, Amazon. Daran ändert das angestrengte Bemühen mancher dieser Firmen nichts, sich als die Guten und Netten, die etwas verschenken, oder als Animateure und Teil von sozialen Bewegungen darzustellen.

Wenn sie es nicht sind, ist das nur vor dem Hintergrund kindlicher Erwartungen ein „Verrat“ an der Idee des Internets. Technik hat keine Idee – was nicht gegen sie spricht. Es ist auch kein Verrat an der Idee des Personenkraftwagens, wenn man ihn nicht mehr selber reparieren kann, mit ihm im Stau steht oder wenn die Idyllen, in die er einen bringen soll, durch die Straßen, über die er einen dahin bringt, zerstört werden. Um es mit Melvin Kranzbergs treffender Formel zu sagen: Technologien sind weder gut noch böse noch neutral.

Seite 6: Das Ende des Geheimnisses  

Doch was das Internet angeht, sind sie vor allem in Fragen der Privatheit nicht neutral. Wer immer sich auf einer Internetseite befindet, auf der sich der Facebook-Schalter „Gefällt mir“ befindet, sendet diese Information an Facebook, ganz gleich, ob der Schalter gedrückt wird oder die betreffende Person überhaupt Facebook-Mitglied ist. Dieser umfassende Bewegungsmelder umgeht damit sogar die ellenlangen „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“, die Facebook für die Nutzung seines Netzwerks geschrieben hat und ständig ändert. Man hat noch mit niemandem einen Vertrag über irgendetwas abgeschlossen, aber schon werden Daten über einen an Facebook übermittelt. Jede Überwachungskamera auf öffentlichen Plätzen erscheint harmloser.

Darum reagieren Funktionäre von Facebook und Google auch so gereizt auf anonyme Nutzer. Wer nicht wolle, dass alle etwas davon erfahren, solle es vielleicht auch nicht tun – so Eric Schmidt von Google. Marshall McLuhan hat schon 1974 das Ende des Geheimnisses als einen Effekt elektronischer Umwelten behauptet. „Das Ende der Geheimhaltung ist das Ende der Wissensmonopole.“ Etwas später hat einer seiner Schüler, Joshua Meyrowitz, dem Fernsehen die Eigenschaft zugeschrieben, soziale Hinterbühnen für das Publikum zu öffnen: Die Kinder erfahren im Fernsehen, was die Erwachsenen tagsüber und nachts so machen; die Wähler sehen, wie die Politiker schwitzen; Männer und Frauen bekommen mit, wie in der anderen Gruppe über sie geredet wird. Es ist, mit anderen Worten, nicht mehr nötig, den Zugang zu bestimmten Orten zu haben, um zu erfahren, wie es an ihnen zugeht.

Jetzt aber soll es gar keine Hinterbühnen mehr geben, und nicht einmal soziale Situationen sollen sich mehr voneinander isolieren lassen. „Die Zeit, in der man seinen Kollegen ein anderes Bild von sich geben konnte als anderen Leuten, kommt vermutlich recht bald an ihr Ende“, lässt Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, dessen Nutzer wissen und ergänzt: „Wer zwei Identitäten hat, dem mangelt es an Integrität.“

Das sind Phrasen – Zuckerberg hält nicht einmal Identität und Rolle auseinander –, deren Verwirklichung weder er noch sonst jemand erträglich finden würde. Der Begriff „totalitär“ würde auf sie passen. Dass sie als unabwendbare Konsequenz des Internets präsentiert und mit einer Moral der Aufrichtigkeit drapiert werden, hängt mit Geschäftsinteressen zusammen. Denn natürlich könnte man die Allgemeinen Geschäftsbedingungen für soziale Medien anders normieren.

Seite7: Digitaler Exhibitionismus und die Sehnsucht nach dem „Microruhm“…

Der Fall „Google books“, in dem der Versuch juristisch abgewiesen wurde, unausgenutzte Texte zu herrenlosem Gut zu erklären, zeigt, dass sich nicht alle Rechtsbegriffe ändern müssen, nur um einer neuen Technologie zu allen Möglichkeiten zu verhelfen.

Und doch haben jene Phrasen Folgen diesseits der Geschäftemacherei von Leuten, die Datenwolken über das Verhalten anderer Leute verkaufen. Denn sie tragen zu einem Weltbild bei, das sich teils aus Freude am Kommunizieren, teils aus Resignation vor undurchschauten Strukturen fatalistisch zu den Medien verhält. Im Internet sei es eben vorbei mit den alten Eigentumsbegriffen, im Internet sei Privatsphäre eben nicht durchzuhalten, heißt es. Doch aus der Tatsache, dass es technisch ebenfalls ziemlich schwierig ist, einen Einbruch zu verhindern, schließt noch niemand, dass die Privatsphäre in Wohnsiedlungen nicht durchzuhalten sei.

Die Begeisterung am transparenten Leben läuft darauf hinaus, dass die Öffentlichkeit mit Privatem überflutet wird. David Riesman hatte in seinem Buch „Die einsame Masse“ einst das Bild vom „Radargerät“ verwendet, mit dem der moderne Mensch ständig seine soziale Umwelt daraufhin abtaste, was von ihm erwartet werde. Das Internet sorgt mittels Facebook und Twitter, aber auch durch die Blogs dafür, dass diese Art von sozial empfindlicher Subjektivität nicht mehr nur empfangen, sondern auch senden kann.

Daraus ergibt sich eine gewisse Hemmungslosigkeit der „Mikroberühmtheiten“, auf deren Texte kein zweiter Blick fällt, bevor sie öffentlich gemacht werden, und die dem Rest der Menschheit Gelegenheit bieten, sich an ihren Privatheiten zu interessieren, so als wären sie Stars. „Für eine Konzentration auf unpersönliche Sachverhalte“, notiert der Soziologe Rudolf Stichweh, „die man nach längerem Studium in eine weltfähige Kommunikation umsetzt, bleibt möglicherweise keine Zeit.“Das Internet legt es nahe, den Abstand von Erleben und Mitteilen sozial wie psychologisch immer kürzer werden zu lassen.

Die neue elektronische Öffentlichkeit kennt bisher keine Antwort auf die Frage, wie gesellschaftlich der Sinn für Unpersönliches anstatt für Geschmacksfragen, für Reserven anstatt für Engagements, für stabile Begriffe anstatt für fluktuierende Informationen und für gute Fragen anstatt für treffende Suchergebnisse wach gehalten werden kann. Verwegen ist jedenfalls die Hoffnung, dass jene Antwort irgendwo im weltweiten Netz darauf wartet, mit einem Klick aufgerufen zu werden. 
 

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